Drum prüfe, wer sich am Haken bindet … über Haken, mehr Haken und noch mehr Haken

26. Juli 2021 • Veröffentlicht von  • Schreibe einen Kommentar

„Endlich wieder ein Bohrhaken, eine Insel der Sicherheit im unsicheren Meer aus Fels. Die Haken sind doch bestimmt genormt und werden regelmäßig geprüft, oder? Ist doch in der Kletterhalle auch so!“

Das könnte manch kletternder Outdoor-Novize angesichts der blinkenden Stahlpracht an unserem heimischen Klettergemäuern denken. Aber ist das wirklich so?

Jetzt kommt die große Enttäuschung: Nein, das ist nicht so.

Die Haken werden nicht geprüft. Fremde Menschen haben sie, hoffentlich nach bestem Wissen und Gewissen, im Rahmen ihrer sportelnden Erschließer- oder Sanierertätigkeit gesetzt und sind nicht haftbar für die Haken. Wenn ich mich als Kletternder dafür entscheide, einem Haken mein stürzendes Leben anzuvertrauen, mache ich das auf eigene Gefahr und eigenes Risko. Wenn der Haken nicht hält, kann ich niemanden für die gesundheitsgefährdenden Konsequenzen zur Rechenschaft ziehen.

Ich muss selbst entscheiden, ob ich dem Haken vertrauen will oder nicht. Das ist anders als in der Kletterhalle, wo der Betreiber der Anlage für die Betriebssicherheit zuständig ist. Und setzt einiges an Sachkenntnis voraus. Als Dienstleisende für die Sicherheit in unseren Klettergebieten wollen wir da gerne behilflich sein und fachlich beraten.

Achtung Achtung: Es folgen Infos zu den bei uns gebräuchlichen Bohrhaken, dem Setzen und unseren eigenen Kletterregeln zum Setzen von Haken:

 

Grundsätzlich: Die Haken selbst sind genormt.

Sie entsprechen heute wie alle technischen Dinge, die in den Verkehr gebracht werden, einer Norm, hier der EN 959. Sie müssen eine den Belastungen angemessene Zerreißfestigkeit haben. Sie müssen eine bestimmte Öse habe. Sie müssen eine Schaftlänge von mindestens 70 Millimeter haben, damit sie tief genug im Fels stecken. Sie müssen bohrlochtiefenunabhängig eingebaut werden können; die Tiefe des Bohrlochs darf keine Auswirkung auf die Festigkeit des Hakens haben. Sie müssen , je nachdem, in welchen Umgebungsbedingungen sie gesetzt werden, angemessen korrosionsbeständig sein. Am salzigen, korrosionsfördenden Meer müssen die Haken von höherer Korrosionsbeständigkeit sein als zum Beispiel im norddeutschen Flachland.

Die Haken 1 bis 7 im Bild entsprechen diesen Anforderungen. Rot ist die 70mm-Linie.

1 bis 6: Normgerechte „Klebehaken“, die bei uns beim Erschließen und Sanieren verwendet werden.

Klebehaken sind weitgehend wartungsfrei, wenn sie gut gesetzt wurden. Das ist allerdings nicht ganz trivial. Dazu später.

7: Normgerechter „Expansionsbohrhaken“. Er besteht aus mehreren Teilen: dem Teil in der Wand, mal Expressanker, mal Schwerlastanker, mal Ankerbolzen genannt. Dazu eine Lasche, also das Ösenteil oben drauf, eine Unterlegscheibe und eine Mutter. Außer der Lasche gibt’s die Teile auch im Baumarkt, aus unterschiedlichen Materialien, mal verzinkt, mal Edelstahl. Das ist ein Problem, weil verzinktes Material korrodiert und der Haken unsicher wird. Rostfördernd wirkt die Kombination unterschiedlicher Materialien. Die Anker gibt es in unterschiedlichen Längen, ein weiteres Problem: Von Außen sieht man die Länge des Ankers nicht. Nach Kletterhaken-Norm muss die Länge dem 5-fachen des Durchmessers entsprechen. Bei 12mm-Ankern also 60mm. Und ein drittes Problem: Die Teile können sich lösen, die Mutter dreht sich, die Lasche dreht sich. Der Expansionsbohrhaken ist also wartungsintensiver. Er hat aber einen großen Vorteil: Ich muss beim Setzen nicht wie beim Klebehaken auf das Abbinden des Mörtels warten und kann daran sofort weiterklettern. Darum werden Expansionshaken vor allem beim Erschließen im Vorstieg verwendet.

Die Löcher werden heute mit den Akkubohrhammer gebohrt. Die gibt es seit Anfang der 1990er Jahre. Vorher wurden die Löcher tapfer mit der Hand gebohrt, also eigentlich mit dem Hammer geklopft. Und weil das arg anstrengend ist, hat man lieber kurze Bohrhaken verwendet. Es gab bis zur „Vermainstreamung“ des Kletterns in den 1990er Jahren keine Normen für die Haken, so dass allerhand Zeug in den Fels kam, das meist schon beim Setzen nicht heutigen Standards entsprach. Manches war gut, manches schlecht. Und der Kletternde abenteuerlustig, wenn er es verwendet hat. Beispiele:

8: Klebehaken als Abseilstation oder Umlenker Mitte der 1990er, keine normgerechte Länge.

9: Expansionshaken mit alter eckiger Lasche, 1980er bis 90er Jahre, Lasche zu dünn, keine normgerechte Länge.

10: Petzl-Bohrkrone mit Spreizkeil, mit der Hand gesetzt, irgendeine Lasche drauf, 8mm-Schraube, bohrlochtiefenabhängig, keine normgerechte Länge.

11: Petzl-longlife: normgerechte Länge, keine normgerechte Lasche.

12: Petzl-Lasche mit Messing-Spreizdübel und Spreizkeil, 1980er Jahre, bohrlochtiefenabhängig, keine normgerechte Länge, rostende Schraube.

13: Expansionsbohrhaken mit kleiner Lasche 1980er bis 90er Jahre, Lasche nicht normgerecht, je nach Anker ggf. ausreichend sicher.

14: Sachsenring, über alle Zweifel erhaben.

Heute ist ein Hakenbruch so gut wie ausgeschlossen. Trotzdem ist es durch Produktionsmängel mit Fixe-Umlenkstationen in Kletterhallen vor einigen Jahren zu tragischen Unfällen gekommen.

 

Der Fels, in dem der Haken steckt, kann als Naturprodukt nicht genormt werden.

Von ultrahartem Quarzit über harten Granit oder Gneis, mittelhartem Kalk und Dolomit zu butterweichem Sandstein gibt es jede Festigkeit. Der Fels kann kompakt, also zusammenhängend sein, es können aber auch Risse und Löcher darin sein. Dann brechen Haken manchmal auch aus festem Fels aus. Nicht der Haken versagt, sondern das Gestein, kleinere Partien oder große Blöcke brechen aus dem Gesteinsverband bei Hakenbelastung heraus. Weicher Sandstein braucht entsprechend größer dimensionierte Haken, z.B. 100mm lange Klebehaken wie Nr. 4 oder Sachsenringhaken. Kurze mit der Hand gesetzte Haken halten im harten Granit besser als im weicheren Kalk.

 

Hakensetzen setzt handwerkliches Grundverständnis voraus.

Das ist keine Raketentechnik, aber man kann es eben besser, sorgfältiger, handwerksgerecht machen, oder schlechter, schlampiger, dilettantischer. Macht man hier einen Fehler, kann das dramatische Folgen haben.

Das Handwerk fängt bei der Auswahl der Hakenpositionen in der Route an. Klettertechnische Überlegungen: Kann ich gut clippen? Habe ich eine sichere Position? Sicherheitsüberlegungen: Wie weit ist es zum Boden oder zu Strukturen, an die ich im Fall des Falles stoßen kann? Will ich das Risiko des Bodensturzes eingehen, zum Beispiel wenn ich mit gerade gezogenem Seil falle? Welchen Sicherheitsstandard soll die Route überhaupt haben? Plaisir oder Risiko? Hakenüberlegungen: Sind Kanten in der Nähe, auf der ein Karabiner zum Liegen kommt, droht Knickbelastung? Wie ist der Seilverlauf? Felsüberlegungen: Ist der Fels hier fest? Gibt es Risse, bohre ich in eine lockere Felspartie? Das kann ich halbwegs durch Abklopfen mit dem Hammer einschätzen, 100% sicher kann ich mir aber nicht sein.

Das Setzen der Klebehaken:

Sie werden mit Zwei-Komponenten-Kartuschenmörtel oder Glaspatronenmörtel mit bauaufsichtlicher Zulassung „eingeklebt“. Das geht so: Bohre ein Loch, das etwas größer und tiefer ist als der Haken. Reinige das Loch, vor allem die Lochflanken: Erst Bohrstaub ausblasen, dann mit einer Rundbürste die Flanken bürsten, dann den Reststaub ausblasen. Wer den Formschluss am Fels gut vorbereiten will, klopft eine Nut unter das Loch, in der der innere Hakenschenkel am Fels zum Liegen kommt. Das schafft einen besseren Schutz gegen Lockern durch Verdrehen (dieses Detail fehlt zum Beispiel am Ebereschenfels im Kanstein, darum lockern sich dort die Haken. Sie sind ein Sanierungsfall, aber nicht wirklich unsicher). Nun mit der Auspresspistole den Mörtel eindrücken, den Haken so hineinschieben, dass ein guter Formschluss mit dem Klebemörtel erreicht wird und ggf. im Loch vorhandene Luft entweichen kann. Der innere Hakenschenkel soll am Fels aufliegen, damit im Belastungsfall eine Knickbelastung des Hakens ausgeschlossen ist. Den überschüssigen Mörtel gut verstreichen, so dass er den Hakenkarabiner nicht behindert. Je nach Lufttemperatur und verwendetem Kartuschenmörtel ist der Haken nach 20 Minuten bis 3 Stunden Dauer belastbar. Je kälter es ist, desto länger dauert es. Voilà: Ein optimal gesetzter Haken.

Hier ein Beispiel, wo jüngst ein Hakensetzer bei uns schlampig gearbeitet hat: Keine Nut, das Chalkkreuz für die Hakenposition nicht weggeputzt und den Mörtelrest nicht verstrichen.

Halt, eine Sache fehlt noch! Die Endkontrolle nach dem Abbinden des Mörtels!

Es kann vorkommen, dass der Mörtel nicht richtig abbindet, zum Beispiel, weil die Kartusche zu alt oder beschädigt war. Durch einen Verdrehtest mit dem Hammer oder einem Karabiner erkennt man die allermeisten Versager sofort.

Nur schlechten Fels nicht, dazu müsste man einen Belastungstest wie in der Kletterhalle vorgeschrieben machen (10 Sekunden mit 800 Kg belasten). Diesen Test müsste man turnusmäßig, z.B. jährlich, wiederholen, da der Fels sich verändert, in frostigem Wintern zum Beispiel Wasser in Rissen gefriert und Felspartien lockert. Ein riesiger, nicht zu leistender Aufwand. Bei rund 6.000 Routen in Norddeutschland haben wir mindestens 20.000 Haken, pimaldaumen routdabout geschätzt.

Klettern und das Benutzen der Haken geschieht auf eigene Gefahr.

 

Die Regeln für die Haken, unsere Sportethik:

In ihrer großen Weisheit hat sich die Kletterer*innenschaft 2004 einen „Neutouren- und Sanierungsappell für die niedersächsischen Klettergebiete“ gegeben und diesen nach einem Streitfall 2010 nochmal konkretisiert.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Sanierungen sollen den Charakter einer Route nicht verändern.
  • Haken in neuen Routen sollen den Charakter von alten Routen nicht verändern. Es soll also ein neuer Haken nicht die Sicherung einer nahen alten Route verbessern.
  • Die Vielfalt der Stile ist ein Wert an sich und soll erhalten werden.
  • Unsicher gewordene Sicherungspunkte (Klemmkeilstellen, Sanduhren) können durch Haken ersetzt werden.
  • Der Erstbegeher legt bei der Erstbegehung des Sicherungscharakter seiner Route fest.
  • Nachträgliche Veränderungen, auch auf Wunsch vom Erstbegeher, müssen bei der „Kommission Sanierung und Sicherheit“, bei der jede*r mitmachen kann, beantragt werden. Die Kommission entscheidet nach Prüfung, am besten einvernehmlich.

Wer setzt die Entscheidungen um? Die Gebietsbetreuenden! Die Mitglieder der Kommission!

Wen frage ich, wenn ich ein Sicherheitsproblem sehe? Die Kommission über das Kontaktformular.

Wen frage ich, wenn ich eine Neutourenidee habe? Die Gebietsbetreuenden oder den Referenten für Bergsport und Naturschutz.

Warum soll ich mir die Mühe machen und fragen? Weil sich viele Konflikte mit Naturschutzbehörden und Grundeigentümern vermeiden lassen, wenn man vorher jemanden fragt, der sich damit auskennt .

Wo stehen die Adressen? Auf den Internetseiten von IG Klettern und DAV Nord.

Seid Ihr jetzt schlauer? Ich hoffe … 😀

 

Axel Hake

Kategorisiert in:
Dieser Artikel wurde verfasst von Axel Hake

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.